Intensivseminar Hundetypen nach HSS

Eine Woche später bin ich immer noch total verzaubert vom Seminar und den Hunden. Ich habe unglaublich viel gelernt, habe tolle Menschen kennen gelernt und genauso tolle Hunde. Und das Größte ist ja, dass ich meinen Damon so wirklich kennen gelernt habe. Aber von vorne...

Nach dem ersten Tag mit viiiiiel Theorie, angefangen von den klitzekleinsten Kommunikationssignalen bishin zu detaillierten Beschreibungen der Persönlichkeitstypen, und anschließendem Beobachten von wild zusammengelosten Hundegrüppchen, wurden nun am zweiten Tag die noch nicht eingeschätzten Seminarteilnehmer-Hunde genauer angesehen. Insgesamt 6 Hunde schätzten wir an dem Tag unter Anleitung von Aylin ein. Einmal Damon und dann 5 zusammenlebende Hunde. 

Zum Einschätzen begab ich mich auf den Platz, leinte Damon ab und lief große Kreise ohne ihn zu beachten. So musste er auf seine Natur zurückgreifen und konnte nicht sein erlerntes Verhalten nutzen. Dabei konnte man sehen, dass er es ziemlich blöd fand, von mir ignoriert zu werden, bei Außenreizen benötigte er meine Hilfe und sah immer wieder zu mir und provokant auf ihn zu laufende Menschen fand er nicht so dramatisch. Das alles sprach nach dem ersten Eindruck sehr für einen eher unselbstständigen Hund, einen Wächter. Ich war etwas sehr perplex, hatte ich Damon doch immer für sehr autonom gehalten. Da man dies aber so nicht stehen lassen kann, kamen nun die anderen bereits sicher eingeschätzten Hunde vom Team dazu, denn nur Hunde können uns zeigen, wer sein Gegenüber ist. Wir holten Aylins Hündin Pama dazu, einen Zentralen Leader (für den ich Damon immer gehalten hab). Pama erkannte Damon sofort und holte aus ihm das heraus, was er lange Zeit versteckte. Sie gab ihm Grenzen und übte mit ihm diese anzunehmen. Sehr schnell konnte er durchatmen und ließ sich fallen und sah sehr zufrieden aus. Zum abschließenden Überprüfen holten wir zwei weitere Hunde dazu, wir bildeten ein Teilrudel. Da bei Damon der Verdacht auf dem vorderen Wächter lag, kamen nun also ein vorderer Leader und sein vorderer Führhund dazu. Der vordere Leader wurde ebenfalls erst frisch eingeschätzt und benötigte Zeit um selbst aufzuwachen. Das nahmen die Hunde nach einer ersten höflichen Begrüßung sofort auf und so trennten sich die Pärchen. Der vordere Führhund bemühte sich seinen Leader aus der Reserve zu locken und Pama übte mit Damon weiter Grenzen annehmen und Zuhören. Damon sah mich ständig mit leuchtenden Augen an, ich habe ihn noch nie so zufrieden gesehen und bestätigte ihm immer, wie toll er das macht.

 

 

Mein Damon war also seit fast 5 Jahren in einer Rolle, die er gar nicht ausfüllen konnte und ich habe es nicht gesehen. Da musste ich auch erstmal schlucken. Was habe ich da alles falsch interpretiert, was habe ich ihm alles aufgebuckelt. Mir fiel aber sofort auch alles ein, was mich ständig stutzig machte, aber nun einfach Sinn ergab. Wenn er zu schnell, zu fahrig war, nicht zuhörte weder mir noch anderen Hunden, seine Hibbeligkeit, die gefühlt in letzter Zeit immer schlimmer wurde, sein ständiges Fiepen...Ich dachte dabei immer, er sei halt nicht in seiner Mitte. Andererseits hat er aber diese Rolle "sehr gut gespielt", denn viele Hundebegegnungen und Erlebnisse liefen toll und er machte es immer gut, sodass ich gar nicht auf die Idee kam, er wäre kein Entscheidungsträger. Jetzt im Nachhinein wird mir natürlich klar, dass er aufflog bei Hunden, die genau sahen, was er versuchte darzustellen und das er das gar nicht konnte. Diese Momente waren aber so fein, dass ich es nicht weiter beachtete.

Nachdem ich das alles am Abend im Hotel durchging und abarbeitete, fiel mir eine riesen Last vom Herzen. Es machte "Klick" im Kopf und bei uns beiden kippte wohl ein Schalter um. In den nächsten Tagen war Damon ein sehr gefragter Mann beim Gegenschätzen und Bilden von Teilrudeln. Er wurde immer sicherer, konnte nun seine Energie auch an zurückhaltendere Hunde anpassen und strahlte immer mehr Zufriedenheit aus. Er war jedes Mal so unglaublich stolz wieder "in den Ring" zu dürfen und seinen Job zu tun. Am Sonntag konnte er sogar der von ihrer Pfote beeinträchtigten Pama helfen einen durchs All schießenden vorderen Leader einzusammeln und Pama zu bringen.

 

An den letzten beiden Tagen durften wir einschätzen, natürlich nur mit Anleitung und Unterstützung von Aylin. Insgesamt 10 Hunde beobachteten wir ausgiebig, holten Hunde dazu, die unseren Verdacht bestätigten oder eben nicht bestätigten, sodass wir es mit anderen Hunden probierten. All das hatte System und konnte stets erklärt werden, wir konnten also jeden Schritt durchdacht tätigen. Wir versuchten es zumindest, denn all zu oft verloren wir den Pfad und Aylin musste uns dann wieder aus unserem Labyrinth zurück führen. Aber all das zeigte uns, wie komplex es ist, das Wahre Ich der Hunde zu entdecken, erst recht wenn sie auch noch im Mehrhundehaushalt lebten und Rollen inne hatten. Durch diese vielen Beobachtungen und Aylins Erklärungen, konnte ich so viel mitnehmen und bin quasi süchtig danach weiter zu beobachten und zu lernen.

 

An den Abenden und Morgenstunden im und am Hotel fiel mir sofort auf, dass Damon so viel ruhiger wurde. Er fiepte kaum noch! Er ging mit mir entspannt nach draußen, nahm meine Entscheidungen sofort an, hörte mir zu und war stets ansprechbar. Es war ein ganz neues und leichtes Gefühl, welches ich vorher noch nicht hatte.

Auf unserer 12 stündigen Zug-Heimfahrt lag er stets auf seiner Decke und schlief oder döste vor sich hin. Zugfahren machte er auch vorher schon recht gut mit, aber es war nun sehr viel gelöster. Sicher auch bedingt dadurch, dass wir beide komplett müde und fertig waren. Aber auf eine sehr zufriedene und glückliche Art.

 

Nun sind wir seit einer Woche wieder Zuhause und natürlich sind hier wieder Themen da, die wir weitab von der Heimat nicht hatten. ABER sie sind irgendwie anders. Ich dring besser zu ihm durch, ich weiß nun definitiv was ihm hilft und kann sein Verhalten sehr viel besser einschätzen. Sein Fiepen nutzt er nur noch in ganz schlimmern Situationen und nicht mehr ständig als Dauerventil. Der Start nach Draußen ist wieder entspannt und er atmet selber auch viel mehr durch. Im Freilauf hatte ich auch vorm Seminar bereits begonnen, ihn mehr an mich zu binden, was er nun viel besser annimmt und uns sehr gut tut. Ich habe mein inniges Vertrauen wieder zurück und er sagt eigentlich ständig "Na endlich." :D

Hundebegegnungen kann ich nun besser einschätzen, gerade auch um zu sehen, welche ihm gut tut und bei welcher wir weiter gehen. Treffen wir beispielsweise auf einen Zentralen Leader wird er unglaublich ruhig, bei Vorderen Leadern macht er auf Muckibude und mit anderen Wächtern drehen beide auf, werden steif oder gehen gleich wieder auseinander.

All das und noch so viel mehr durfte ich auf dem Seminar von HundeSozialStrukturen sehen, erleben und lernen. Hunde werden dort wirklich gesehen, ihre innerste Natur kommt dort zum Vorschein und darf gelebt werden. Sie dürfen mit Hunden laufen, die ihnen gut tun und wo sie für ihren Job geschätzt werden. Ich habe an Damon gesehen, wie er von einem anfangs extrem unsicheren Hund aufblühte und ein sehr cooler Hund wurde. Andere Hunde die als unverträglich galten, konnten mit einem bzw mehreren passenden Hunden lernen, dass sie sich nicht mehr um alles allein kümmern mussten, dass andere Hunde ihnen Achtung gaben und sie sich in einer Gruppe fallen lassen konnten. Hunde die durch extreme Dressur sich selbst tief verschlossen hatten und als Roboter auf den Platz kamen, wurden durch die anderen Hunde aufgeweckt und kamen langsam wieder zu sich selbst. Die Halter dieser Hunde bekamen detaillierte Tipps, was sie tun mussten um ihren Hunden zu helfen.

 

Ich durfte sehen, was es bewirkte für einen Hund einfach nur mit passenden Hunden zu laufen. Allein das löste etwas aus, was die Hunde mit sich nahmen und nicht mehr verloren. Wenn man nach langer Zeit der Selbstunterdrückung und Überforderung, endlich man selbst sein darf, nicht nachdenken muss, welchen Schritt man als nächstes macht nur um niemanden zu bedrängen, wenn man seine Stärken leben darf und für sein Tun von allen geschätzt wird, merkt man sich das. Dieses Gefühl verliert man nicht mehr. Und dieses Wissen lässt Hund und Halter wieder neu durch die Welt gehen.

Ich kann nur jedem empfehlen seinen Hund beim Team von Aylin und HundeSozialStrukturen einschätzen zu lassen. Ihr dürft etwas ganz Magisches erleben und selbst, wenn ihr danach beschließt diese Persönlichkeitstypen nicht weiter mitzunehmen, was vollkommen ok ist, werdet ihr sehen, was dieses Erlebnis verändert hat.

 

Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich Damon so lange im Regen stehen ließ. Mir ist klar geworden, dass es genauso gut war. Hätte Damon nicht diese Rolle gespielt, wäre ich niemals da wo ich jetzt bin. Hätte ich in ihm von Anfang an den unselbstständigen Hund gesehen, hätte ich ihn wohl ganz klassisch behandelt und wäre nun weder bei meinem Leben mit den Hunden, noch bei der tiefen Verbindung mit der Natur, der Liebe und der anderen Welt. Nach 4 Jahren Schule des Lebens bin ich nun also soweit selbst Führung zu übernehmen und auch dabei wird mir Damon stets zeigen, wohin es geht.

 

Ich bin Aylin (und allen anderen Beteiligten) so dankbar für diese 5 Tage und werde weiterhin fleißig bei ihr lernen. Ich habe mich bereits für Teil II im Juni diesen Jahres angemeldet ;) Sie hat einen unglaublichen Erfahrungsschatz, den sie sehr gerne teilt. Man spürt, wie gern sie das macht und wie sehr ihr die Hunde am Herzen liegen.

 

Herzliche Grüße,

eure Vivien und der nun glückliche Damon

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