„Ich unterbinde das!“ Über Pöbler und Luftanhalter

Wenn wir ein Wesen/unseren Hund wertschätzen und sehen wollen, müssen wir dies von allen Seiten. Nicht nur von der guten, ruhigen, passenden Seite - auch von der unangenehmen. Jedoch meine ich, dass sie gar nicht wirklich unangenehm ist. Sie funktioniert nur einfach nicht so, wie sie sollte. Wie wir meinen, wie sie sollte. Wie andere meinen. Eigentlich, wenn wir mal ganz tief in uns hören und andere ausblenden, ist es gar nicht unangenehm. Ganz im Gegenteil, wir fragen uns eher, was der Grund dafür ist.

Gerne wird gesagt, mein Hund pöbelt. Ich mag diese Bezeichnung gar nicht, denn wirklich schätzend ist sie nicht. Vielmehr abwertend und denunzierend. Denn was macht der Hund in dieser Situation? Er versucht verzweifelt etwas zu sagen. Meist schreit er um Abstand. Viel zu viel zwingen wir unsere Hunde die Individualdistanz anderer zu missachten. Wir müssen im 1m Abstand aneinander vorbei, obwohl wir auf einer großen Wiese sind. Natürlich müssen die Hunde direkt aneinander vorbei gehen können, ohne Schutzkörper. Das zeigt schließlich, dass wir sie im Griff haben. Weicht einer auf die andere Straßenseite aus, ist er unfähig. Natürlich müssen wir mit den Hunden üben durch einen gestellten Spalier bestehend aus anderen Mensch-Hunde-Teams durch zu laufen. Und wehe einer sagt einen Mucks – Das muss unterbunden werden! Eine zweite Aussage, die ich ganz furchtbar finde. Meint sie doch, dass wir einem unerwünschten Verhalten einfach einen Deckel aufsetzen müssen. Was passiert dann aber, wenn immer und immer wieder zugedeckelt wird? Es brodelt immer mehr im Innern, weil die Ursache für das „Problem“ nicht verstanden wird. Und irgendwann explodiert das Ganze. Das beinhaltet gar nicht unbedingt Verhaltensauffälligkeiten – es kann sich genauso in Krankheiten äußern. Und dann wird natürlich wieder an den Symptomen gearbeitet und womöglich wieder gedeckelt.

Wie geht es anders?

Hören wir doch einfach mal zu, was unser Freund zu sagen hat. Dabei können wir auch wahnsinnig viel über uns selbst lernen. Ganz egal, was andere sagen oder denken. Es geht um unseren Hund und der fleht womöglich um Schutz und Wahrung seiner Grenze. Es ist absolut unnatürlich an Fremden im Minimalabstand vorbei zu gehen, wenn doch genügend Weite vorhanden ist. Wir müssen uns und erst recht nicht anderen irgendetwas beweisen. Es ist ganz einfach, wir sagen ihm, dass wir ihn verstehen, dass wir ihm Schutz geben und gehen einen Bogen. So groß wie es angenehm ist. Wisst ihr wie groß und leuchtend die Augen unserer Fellnase werden, wenn sie endlich verstanden wird? Und es ist gar nichts dabei. Haben wir dann das Vertrauen, können wir auch gemeinsam durch enge knifflige Situationen gehen. Alles basiert auf Verstehen, Schätzen und Vertrauen und schon ist das gar kein Pöbler mehr an unserer Seite – es ist ein Lehrer.

Das gilt für alle anderen Verhaltensideen, die wir als unangenehm empfinden. Wir sollten endlich verstehen, was dahinter steckt und nicht am Symptom rumdeckeln.

Ich sehe täglich auch so viele Luftanhalter. Die in eine Begegnung quasi gezwungen werden, einatmen, halten, schnell alles abspulen, raus gehen und erleichtert ausatmen. Nur oft kommen sie gar nicht so schnell aus der Situation wieder heraus. Wenn ich da an überfüllte Hundewiesen denke oder die „Raufergruppen“. Wahnsinnig viele Hunde halten dort die Luft an. Die Menschen sehen dann ihre braven Hunde, die ja doch gut mit anderen klar kommen und gar nicht aggressiv sind. Und wieder Zuhause bei der nächsten Einzelkonfrontation schreien sie aus vollem Halse.

Wiederum kenne ich aber auch die, die gar keine Probleme bereiten. Die immer ruhig hinter her trotten, keinen Mucks von sich geben und durch alles durch können. Deren Augen aber etwas ganz anderes sagen. Die Leisen leiden oft mehr als die, die ihre Wut und Verzweiflung in die Welt schreien. Stummes Leiden ist das Schlimmste, denn es hört niemand und im Zuge dessen wird auch nie etwas getan.

Drum beschweren wir uns nicht über unsere „Pöbler“ und „Leinenrambos“ – danken wir ihnen lieber und hören wir auf, sie so zu bezeichnen. Sie sind so viel mehr.

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