Schritt um Schritt

*Ein kleiner Schritt nach vorn*

Es gibt eine kleine Terriermix-Hündin eine Querstraße weiter. Vermutlich kennt sie jeder hier im Viertel, wenn nicht vom Sehen her, dann definitiv vom Hören. Wenn diese Hündin namens Liberty einen anderen Hund erblickt, fällt sie sofort in ein lautes langgezogenes Bellen, wobei sie auf den anderen Hund zu rennt. Sie läuft immer frei, was natürlich ziemlich verantwortungslos ist von dem Besitzer, da sie auch über die Straße läuft. Herrchen kümmert das leider herzlich wenig, entweder er lächelt dieses Verhalten seiner Hündin weg oder meckert sie genervt an, sie solle den Mist doch lassen. Jedenfalls, funktioniert ihre Strategie bei so ziemlich allen Hunden bzw. deren Besitzern. Diese laufen schnell weiter oder weichen weiträumig aus. Ich war anfangs auch recht verunsichert als ich das zum ersten Mal sah. Als ich aber einmal nichts ahnend mit Damon auf einer Wiese saß, kam das Gespann gerade um die Ecke und prompt fiel Liberty wieder in ihr Bellen. Ich wollte mal sehen was passiert und Damon scheinbar auch, denn wir blieben beide ungerührt sitzen und sahen die Hündin ungläubig an. Diese machte 5 Meter vor uns erschrocken Halt und kehrte um, aber nicht ohne noch weiter empört zu wuffen. Sie ist ein einziger Bluff. Da sie von ihrem Herrchen ja nie Schutz oder auch nur irgendeine Info bekommt, hat sie sich selbst etwas „einfallen“ lassen, eher noch wusste sie sich nicht anders zu helfen. Ich schätze, sie hat die Erfahrung gemacht, dass ein Lefzen hochziehen oder gar knurren, nie eine Wirkung gezeigt hat bei anderen Hunden und diese unbeschwert einfach ihren Distanzwunsch durchbrochen haben. Sie hat dann sicher aus Wut/Frust angefangen zu bellen, als ihr wieder einmal ein Hund entgegen kam. Und da Menschen auch eher über das Gehör etwas wahrnehmen als über ihre Augen, hatten sie nun endlich angefangen ihr auszuweichen. Zack, da war sie, ihre Lösung um sich all die Hunde vom Leib zu halten. Jetzt waren aber zu ihrem „Leidwesen“ Damon und ich da und wir ließen uns nicht davon einschüchtern. Da ich aber spüre, dass man mit dem Herrchen nicht wirklich reden kann, versuch ich immer den beiden aus dem Weg zu gehen, sobald ich sie sehe. Ich will ihr einfach nicht unnötig Stress bereiten. Wenn sie aber plötzlich auftauchen und Liberty bereits ins Bellen verfällt, bleib ich entweder stehen und sehe mit Damon entspannt weg oder wir gehen im Bogen ungerührt an ihr vorbei. Sie ist dann immer sichtlich irritiert, warum denn ihre Strategie bei uns nicht aufgeht.

Nun passierte es, dass Liberty mit Herrchen bei uns im Hof mit ein paar Nachbarn saßen und Damon und ich nach unserem Abendspaziergang dazu stießen. Damon war bereits ohne Leine und als Liberty uns sah, bellte sie los und lief auf uns zu. Wir standen einfach nur da und sie stoppte 5 Meter vor uns. Nun ging Damon mit durchgedrückten Gelenken auf sie zu um dieses merkwürdige Wesen mal in Ruhe zu inspizieren. Diese raste davon und quiekte als würde ihr Leben bedroht. Damon war so perplex, er rührte sich nicht und sah abwechselnd zu mir und Liberty. Er ging dann nochmal ein paar Schritte auf sie zu und Liberty hob die Lefzen, duckte sich und hatte den Schwanz eingeklemmt. Nachdenklich blieb Damon nun stehen und sah mich fragend an. Ich erwiderte seinen Blick lächelnd mit einem Untertitel, der sagte: „Da musst du dir etwas einfallen lassen, die ist schwer zu knacken.“

In diesem Moment, schnappte sich leider Frauchen die Hündin und nahm sie auf den Arm. Herrchen entfuhr entnervt ein „Ach, jetzt halt die Klappe Liberty!“ und ein anderer Bekannter von diesen meinte zu Frauchen „Jetzt lobst du sie auch noch für ihr Verhalten.“ Ganz so verkehrt lag letzterer sogar gar nicht. Liberty wurde aus der Situation herausgeholt und hatte sich somit wieder einmal erfolgreich gerettet. Es hätte nur einfach schon geholfen, wenn Liberty dem fremden Hund nicht allein „ausgeliefert“ gewesen wäre. Herrchen hätte sich einfach mal vor sie stellen können und ihr damit einen Körperschutz gegeben, sodass sie die Situation in Ruhe erfassen könnte. 

Damon hatte nun nach irritiertem Zusehen, eine Marke am Baum gelassen und ist mit Blick zu Liberty weggegangen um zu schnüffeln. Er hinterließ ihr eine Info darüber, wer er ist und entfernte sich sogar, damit sie in Ruhe hätte daran schnüffeln können ohne von ihm bedrängt zu werden. Leider konnte sie das ja nicht, da sie auf Frauchens Arm gedrückt und gestreichelt wurde und in ihrem Knurren festgehalten wurde. Die Situation war nun so stagniert, dass Damon und ich beschlossen rein zu gehen und das Ganze aufzulösen.

Mir tut die Hündin so leid und den ganzen Abend konnte ich nicht aufhören darüber nach zu denken. Ihr Wunsch nach Distanz und ihre Skepsis vor allem Neuen sind absolut in Ordnung. Das ist nun mal ihr Wesen, sie ist meiner Meinung nach definitiv ein introvertierter Hund, womöglich ein Kundschafter. Weswegen sie für Damon auch so interessant ist, schließlich ist sein direkter hinterer Sicherungshund genau so ein Typ und ich würde zu gerne sehen, wie Damon sich was einfallen lässt um diese aus ihrem Schneckenhaus zu locken und sie vielleicht sogar zur Mitarbeit bewegt.

Heute haben wir sie wieder getroffen. Damon sah gezielt zu einer Wiese hinüber, die ich aber nicht weiter einsehen konnte. Wir gingen hinüber und entdeckten Liberty und ihr Herrchen. Da Liberty uns noch nicht sah, gingen Damon und ich einfach weiter. Jedoch erblickte sie uns nun doch und wollte bellend losstürmen. Nach zwei Hopsern und Bellern erkannte sie uns scheinbar und wich zurück, natürlich nicht ohne mit dem typisch empörten Wuffen aufzuhören. Damon erfasste alles diesmal schneller und setzte am Baum eine Marke, ging ein Stück weg und schnüffelte hochkonzentriert an einem Büschel Gras. Jedoch beobachtete er sie weiterhin im Augenwinkel. Liberty nun zeigte tatsächlich Interesse und ging ein paar Schritte auf die Marke zu und schnüffelte bereits in der Luft herum. Das war das erste Mal, dass sie tatsächlich ihre Nase einsetzte um sich eine Information über diesen Hund einzuholen. Damon sah daraufhin genauso erleichtert und gespannt auf die Hündin wie ich und wollte sie so zu sich ziehen. Leider war sie noch nicht so weit und entfernte sich wieder um am Gebüsch zu schnüffeln. ABER ohne zu bellen oder überhaupt zu verwarnen. Das freute mich so sehr, dass ich darauf hin Damon bat mit mir weiter zu gehen. Ich wollte Liberty nun gern wieder allein lassen, da dieser Moment gerade schon ein großer Fortschritt war, Damon sah es genauso und wir gingen nach Hause. Von Weitem hörten wir nur leider noch einmal ihr lautes Bellen, da war wohl wieder ein fremder Hund in Sicht gewesen.

Ich bin gespannt auf zukünftige Treffen und hoffe Liberty auch einmal auf einem großen Freilaufgebiet anzutreffen, wo ich vielleicht sogar mit dem Besitzer reden kann. Da werde ich hoffentlich auch an die Kamera denken.

*Kleine Zusammenarbeit*

Niki ist eine Huskyhündin, die wir bereits seit 2 Jahren kennen und lieben. Ursprünglich sind wir, der Besitzer und ich, davon ausgegangen Niki sei eine Leithündin. Sie war stets selbstbewusst und ging hoch erhobenen Hauptes durch die Gegend. Jedoch störte mich ihre doch herrische Art und Weise, wenn sie Hunden begegnete. Sie nordete diese sofort ein und war schnell genervt vom hibbeligen Wesen des anderen. Und dies passte nun wirklich nicht zu einem Entscheidungsträger. Gerade das Einnorden des anderen Hundes, also gleich erstmal eins auf die Rübe zu geben, damit er gar nicht erst austestet wer sie denn ist, entlarvt sie als Mitarbeiter der einen Entscheider mimt. Ich habe sie dann als Wächter eingeschätzt, da sie gerne vorn läuft und abschirmt und auch recht streichelbedürftig ist. Aufgrund ihrer Skepsis allem Neuen gegenüber und ihr Desinteresse an neuen Hundebekanntschaften, sehe ich dann doch eher eine hintere Kundschafterin in ihr. Dies würde auch ihre schnelle Reizbarkeit erklären, aber auch ihr selbstbewusstes Auftreten, quasi als Chefsekretärin neben ihrem Damon. Zudem fiel mir immer wieder auf, wenn ich Niki zu Gast hatte, dass sie auf unseren Spaziergängen bevorzugt neben mir lief und Damon den Raum vor uns überließ.

Eines Tages nun trafen wir auf unserem gemeinsamen Spaziergang an der Elbe auf einen jungen Schäferhundrüden. Die Besitzer riefen uns von weitem zu „Unserer tut nix!“, da war der Schäfi bereits auf dem Weg zu uns. Nun gut, dachten wir. Jetzt ist er fast da und ich sah an unseren Hunden, dass dieser für sie keine Gefahr darstellte. Damon ging also auf ihn zu, während Niki bei uns blieb und alles beobachtete. Der Schäfi stand da wie ein Zinnsoldat und starrte Damon unsicher an. Seine Rute bewegte sich dabei angespannt hin und her. 5 Meter vor ihm drehte Damon ab und schnupperte an einer Grasstelle. Ich denke, er wollte ihm Raum geben, da er seine Unsicherheit spürte. Der Schäfi bekam Mut und wollte an Damons Po schnüffeln, woraufhin sich Damon wegdrehte. In diesem Moment eilte Niki dazwischen und schirmte Damon vom Schäfi ab. Beide begrüßten sich und erschnupperten die Stimmung des anderen. So war der Schäfi nicht mehr so angespannt und Damon konnte nun auch diesen kennen lernen. Die Rute des Rüden hatte sich gesenkt und er schien ganz ruhig und devot, sodass alle in Entspannheit weiter gehen konnten.

Auf diese Art arbeiten Niki und Damon ganz oft zusammen. Auch beim Mäusebuddeln assistieren sie sich. Bei Hundebegegnungen übernimmt grundsätzlich zunächst Damon. Wenn er nicht weiter kommt oder er einen Schutz braucht, eilt Niki ihm zu Hilfe und übernimmt. Das letzte Wort hat dann aber immer Damon. Von der ersten Begegnung an, haben die beiden eine innige Beziehung entwickelt und bei jedem gemeinsamen Spaziergang vertieft diese sich und wir können tolle Momente beobachten.

*Im Kontakt*

Als wir gestern zum Feld gingen, hatten Damon und ich beide einen guten Tag. Wir waren bereits auf dem Weg dahin tiefen entspannt und so schritt Damon sehr dösend neben mir her. Ich konnte Damon voll vertrauen, da ich selbst in meiner Mitte war und mich nichts aus der Ruhe brachte. So ließ ich ihn bereits am Anfang des Feldes frei und er blieb sehr nah bei mir. Als wir am oberen Weg ankamen, begegnete uns eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Nach einem kurzen Blick wandte sich Damon wieder den netten Schnupperstellen zu. Wenig später raste ein Labrador zu eben dieser Frau hin. Der Abstand zu uns betrug vielleicht 25-30 Meter. Früher wäre Damon ohne Absprache mit mir einfach hingedüst und hätte diesen Hund gestoppt. Diesmal jedoch stand er wie vom Donner gerührt da und blieb im Kontakt mit mir. Ich deutete ihm, dass er diesen Hund nicht stoppen brauch und wir einfach unseren Weg fortsetzen können. Ich sah ihm an, dass ihn das Tempo des Labbis störte, er aber erleichtert mit mir weiter ging. Wenig später baute er diesen Druck beim Buddeln ab. Uns kamen eine ältere Dame mit Hundeopi und –omi entgegen. Damon erblickte sie, stoberte aber weiter in der Erde herum. Früher wäre er hingerannt, auch wenn die beiden noch 30 Meter entfernt waren. Erst als die Hundeomi bei ihm war und Kontakt aufnahm, wendete er sich ihr zu. Als die Gruppe sich entfernt hatte, setzten auch wir unseren Weg fort. Wir erspähten zwei Menschen mit ihren Junghunden an der Leine. Ich bat Damon zu mir und wir gingen etwas zur Seite. Damon hat das ohne zu protestieren akzeptiert und wir sahen der Gruppe zu als sie an uns vorbei ging.

Es sind nur kleine Schritte, die wir nach vorn gehen, immer mal wieder setzen wir auch einen zurück. Aber ich merke, wie Damon und ich jeden Tag mehr und mehr einander vertrauen und ein schöneres Gefühl gibt es nicht.

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