Ich bin der, wer bist du?

Letztens habe ich eine Anzeige entdeckt, in der ein Zuhause für einen bildhübschen Hund gesucht wurde. Noch mehr als das Bild hat mich aber die Beschreibung des Rüden angezogen:

„Boris ist ein besonderer Hund, der hochintelligent ist und der entsprechend nichts mit Leuten anfangen kann, die versuchen, ihn mit billigen Tricks zu beeindrucken. Mit ihm wurde allerlei Heititei versucht, was heute dazu führt, dass er in der Sekunde, in der ihm jemand damit kommt, begreift, dass er eine Weichflöte vor sich hat. Selbiges gilt im Übrigen für inhaltsloses Rumgebrülle. […] Begegnet man Boris heute mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit, die er von seinem Gesprächspartner verlangt, dann hat man einen ausgesprochen souveränen, sehr cool mit Artgenossen und Menschen agierenden Hund an seiner Seite, der auch in widrigen Situationen keine Leine benötigt. […] Ich würde mich für Boris über Menschen freuen, die nicht aus jedem Scheiß eine Übung machen, sondern klare Vorstellungen davon haben, was sie von ihm erwarten und bereit sind, darauf zu bestehen. […]“

Ich persönlich lese hierbei deutlich einen starken Leithund heraus, der bisher ziemlich viel ertragen musste. Ich freue mich, dass diese Leute ihn so wahrnehmen, wie er ist und ich hoffe, dass sich jemand findet, der bereit ist diese schwere, aber unglaublich lehrreiche Reise mit ihm anzutreten.

In meinem vorherigen Post hat es Maja Nowak bereits ganz toll beschrieben, was mit uns in der Welt passiert und was wir anderen aufzwingen: Anpassung. Ständig versuchen wir jeden zu verändern, dies passiert doch schon im Kindergarten: Dieses Kind ist zu still und soll mehr mit anderen spielen, ein anderes Kind ist so schnell und soll endlich mal langsamer werden, wieder ein anderes muss ständig schnell sein und darf nie mal etwas langsam tun, obwohl es ihm mehr liegt. Ich selbst musste auch immer schnell sein und selbstbewusster werden und Dinge tun, die ich gar nicht wollte bzw. in einem Tempo, welches mir absolut nicht gut tat und wodurch ich die Aufgabe nicht gut bewältigen konnte. Nun stülpen wir genau diese Methoden auch über unsere Hunde, weil wir meinen anders nicht mit ihnen kommunizieren zu können. Wenn sich ein Hund dagegen wehrt, gilt er als aggressiv und muss wiederum konditioniert werden. Warum muss man jeden immer ändern wollen? Dies ist wieder etwas, dass wir von unseren Vierbeinern lernen können. Sie versuchen sich eben nicht zu ändern. Der Grund ist ganz einfach: Was nützt es der Gruppe, wenn der Leithund versucht den einen Hund zu ändern? Absolut gar nichts. In einer Gruppe geht es darum, was jeder einzelne in diese einbringt und wie er damit der Gruppe nützt. Ist einer besonders aufmerksam und warnt, wird er dies auch weiter tun dürfen und jeder in der Gruppe ist dankbar dafür einen solch tollen Wächter zu haben. Kundschaftet der andere gerne aus, was sich hinter der nächsten Abbiegung verbirgt wird dies ebenso dankbar angenommen. Keiner versucht das Verhalten des anderen zu verändern, es wird lediglich darauf geachtet, dass Harmonie herrscht. Bringt ein Hund die Gruppe durch sein stürmisches und unangemessenes Verhalten in Gefahr wird dies gestoppt. Jedoch wird dem Hund nie abtrainiert schnell zu sein. Ein langsamer Hund, der der Gruppe den Rücken freihält und diese auch im Tempo etwas drosselt, wird nie gezwungen schnell sein zu müssen. Ebenso wird von ihm nie verlangt einen flinken, ihn bedrängenden Hund zu akzeptieren. Ganz im Gegenteil. Der extrovertierte Hund wird daran gehindert den introvertierten weiter zu piesacken.

Warum nun können wir uns das nicht abschauen? Wenn mein Kind gerne ruhig ist und Zeit für eine Aufgabe braucht, kann ich ihm doch diese Zeit geben, anstatt es zu mehr Schnelligkeit anzustacheln und es so zu überfordern, nur weil es die Gesellschaft so verlangt. Schießt mein Kind immer übers Ziel hinaus, sollte man sich vielleicht überlegen, ihm eine deutlichere Zielvorgabe zu geben usw.

Worauf ich hinaus will ist, dem Hund nicht seine Persönlichkeit zu nehmen und ihn in seiner Natur zu ändern, nur weil man ein bestimmtes Bild seines Hundes im Kopf hat und versucht, diesen nun genau danach zu konditionieren. Das ist für mich nicht wertschätzend und sehr egoistisch. Bei einem Mitarbeitertyp wird das vielleicht nicht so sehr auffallen, wie bei einem authentischen Entscheidungsträger, weil Mitarbeiter nun mal von ihrer Natur her sehr gerne ausführen. Kommandos funktionieren also ganz wunderbar bei ihnen und womöglich haben sie auch Spaß daran - ihrem komplexen Wesen sind stupide Befehle aber meiner Meinung nach weder gerecht noch respektvoll.

Öfter als diese Hunde wehren sich Entscheidungsträger gegen sinnlose Dressur. Zunächst mit Blicken, dann auch knurren und wenn diese mehr als angemessene Verwarnung nicht klappt bzw. unterbunden wird, auch Abschnapper. Ich finde, wenn so etwas passiert, sollte man einmal die Kritik seines Hundes annehmen, anstatt immer gleich mit der ‚Dominanz-Gehabe-Keule‘ zu schleudern. Auch Mitarbeiter kritisieren mal ihre Halter ohne gleich respektlos oder pupertär zu sein. Wenn mein Hund mich beim Joggen oder Fahrradfahren anspringt oder anbellt, findet er vielleicht einfach nur, dass ich zu schnell unterwegs bin? Vielleicht ist er ein langsamer Typ, dem Schnelligkeit einfach nicht liegt. Vielleicht ist er ein Leithund und er findet, ich kann bei dem Tempo unmöglich all die Eindrücke verarbeiten. Anstatt seinen Hund immer wieder für alles zu maßregeln, wäre es sinnvoller seine Kritik einfach anzunehmen.

Damon ist beim Joggen sehr nervös. Früher fand ich das sehr störend, denn ich hatte das Bild im Kopf, er würde entspannt nebenher traben. Bei Hundebegegnungen während des Joggens war er nicht der souveräne Hund wie sonst, sondern hektisch und unsicher. Es ging ihm einfach alles zu schnell. Wenn ich langsamer wurde und wir im Schritt an den anderen Hunden vorbei gingen, war alles in Ordnung. Inzwischen gehe ich ohne ihn joggen und er dankt es mir. Ein anderer Punkt war sein Geschirr. Ich habe vielleicht zehn Geschirre gekauft, in der Hoffnung eines würde ihm angenehm sein. Jedoch mag er keines. Ich muss es nur anfassen, schon wird er nervös, weicht mir aus und beschwichtigt. Ich denke, das Geschirr ist für ihn ein zu großer Einschnitt in seine Souveränität. Beim Halsband beschwichtigt er auch, in dem er sich immer erst mal streckt bevor ich es ihm anlegen kann, dennoch kann er dies akzeptieren. Das Geschirr lege ich ihm nun nur sehr sehr selten an, wenn es wirklich nicht anders geht, wegen einer Schleppleine zum Beispiel.

Wenn ich Leckerchen auf Spaziergängen dabei habe ist Damon absolut vernarrt in das Futter und null bei mir. Ich kann das Leckerli hin und her bewegen und er folgt dieser Bewegung wie eine Marionette. Möchte ich, dass er Sitz macht, habe ich eine seelenlose Statue vor mir, was mich mehr traurig macht als freudig. Sind wir dagegen in einer Situation, in der er warten muss, setzt er sich oft ganz von selbst hin, ohne meine Aufforderung, einfach, weil es für ihn scheinbar angenehmer ist so zu warten. Ich beobachte so viele Hunde, die jedes Kommando ausführen und der Halter freut sich riesig darüber, übersieht dabei aber, dass er nur noch eine Statue vor sich hat, die vollkommen auf das Futter/die Belohnung fokussiert ist. Damon stimmt diese Unnatürlichkeit immer verärgert, mich macht es traurig, diese intelligenten Wesen so stupide zu behandeln.

„Ich bin der, wer bist du?“ ist die Frage, die sich Hunde bei jeder Begegnung stellen. Wenn keiner von beiden mehr weiß, wer er wirklich ist, weil es ihm wegkonditioniert wurde, ist es doch nicht verwunderlich, dass es zu Missverständnissen kommt.

Ein Hund wie dieser Boris lehrt einem so viel für das eigene Leben und den Umgang mit anderen, man muss sich nur darauf einlassen und einmal zu hören.

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