Lernen

Da war er nun: mein zukünftiger Lehrer, was ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste. Üblicherweise war ich der Meinung, ich müsste ihm etwas beibringen – so kannte ich es, so machten es alle. Von Hundeschulen war ich von Anfang an abgeneigt, diesem Marschieren und Funktionieren auf dem Platz, konnte ich noch nie etwas abgewinnen. Ich fühlte mich in der Lage, alles selbst zu bewältigen. Also Leckerchen in die Tasche, Schleppleine dran und ab auf‘s Feld. Damon ist ein vorwärtsdrängender Hund, aber gezogen hat er nie. Nun übte ich auf übliche Weise Rückruf, Sitz, Platz ohne jeglichen Außenreiz. Das lief auch alles überaus perfekt, Damon nahm alles an und befolgte alle Kommandos mit Freude (auf‘s Leckerchen). Bald schon begegneten wir aber dem ersten Hund und der war weitaus interessanter als so ein Krümel Futter und so rannte der Herr bereits aus mehr als 200m zum anderen Hund, spielte kurz vergnügt und sauste dann doch wieder zu mir. Er lachte mich an, „Welch‘ ein Spaß!“, dem ich leider nicht zustimmen konnte, aber da er ja wieder kam, gab‘s ein Leckerchen, wie man‘s so kennt. Tja, und so lief das dann immer weiter. Ohne großen Außenreiz reagierte Damon wunderbar auf alles. Obwohl ich sagen muss, wenn ich ihn abrief, kam er zwar sehr freudig zu mir und holte sich seine Belohnung, lief dann aber sofort wieder vor und sah sich dabei um, was denn wohl der Grund für den Abruf war. Gab es jedoch einen tolleren Reiz, ein anderer Hund, ein Geräusch im Gebüsch, ein leckerer verfaulter Apfel, war mein Rufen vergebens und Damon auf und davon. So fing ich an, ihn bei der Leckerchengabe neben mir Sitz machen zu lassen, um ihn dann selbst wieder freizugeben. Wieder lief alles super. Heute erinnere ich mich aber an Geschehnisse, die mir damals nicht auffielen: Damon lief häufig ins Gebüsch ohne dass ich ein Geräusch oder ähnliches bemerkte. Auf mein Rufen kam er dann auch wieder, setzte sich neben mich und leckte sich über die Schnauze. Er inszenierte Streifzüge nur um dann ein Stück Wurst abzustauben. Sein Schlecker am Ende verriet ihn. Er hatte mich erfolgreich erzogen. Wie gesagt, nahm ich das damals gar nicht wahr, aber dass er nicht wieder kam, wenn ich ihn bei Fremdhundesichtung rief, musste sich ändern. Durch Zufall entdeckte ich das Buch „Leitwolf Training“ von Mirko Tomasini. Es gefiel mir sprachfrei mit dem Hund zu kommunizieren und sich auf seine Körpersprache einzustellen. Damon ließ sich wieder einmal auf alles ein (daran merkt man, wie schnell sich Hunde im Allgemeinen auf eine neue Verhaltensweise des Halters einstellen). Das hinter mir laufen entspannte ihn aber zum Beispiel null, für ihn war es schrecklich, nicht mehr alles mitzubekommen und keine Sicht zu haben. Auch empfand ich es als viel zu plötzlich mich ohne jegliche Bemerkung umzudrehen um ihn somit am Vorbeilaufen zu hindern. Mir fehlte die Anpassung an sein Verhalten: wenn er irgendwo schnupperte, ich ihn rief und er kam nicht sofort, sollte ich energisch hin gehen bis er auf mich reagierte und ihn dann per Körpersprache mit mir ziehen. Damon beschwichtigte mehr als deutlich auf diese Aufforderung, er leckte sich über die Schnauze, duckte sich und legte die Ohren an. Ich empfand es als viel zu viel beschwichtigt und jetzt weiß ich auch, dass dies eine Reaktion auf meine überaus unangemessene Annäherung war, noch dazu weil es ja gar keinen Grund gab, warum er sich von der interessanten Stelle lösen sollte. Eine Freundin lehrte mich ein Warngeräusch wie ‚Shht‘ oder ‚Hey‘ zu verwenden bevor eine Aktion/ Konsequenz folgt. Über einen anderen Freund entdeckte ich Maike Maja Nowak, die genau so mit Hunden sprach, wie ich es schon immer als ‚richtig‘ gefühlt hatte – nämlich auf Hundefrequenz, wie sagen sich zum Beispiel Hunde untereinander ‚Stopp‘?. Auch bestätigte sich langsam mein Verdacht, Damon anders zu behandeln wie es ‚üblich‘ war. Dass er sich nicht wohl fühlte, hinter mir zu gehen; dass er mir angemessen sagte, wenn meine Maßregelung unangebracht und übertrieben war; dass er Ärger immer aus dem Weg ging oder versuchte zu deeskalieren; dass er andere Hunde stoppte, wenn diese sich respektlos benahmen; dass er Unruhe sofort unterbindete, stets an der Gruppe interessiert war und neue Hunde in unserer Gruppe empfing. Das alles waren Anzeichen für seine überaus hohe Sozialkompetenz und seine Fähigkeit zu führen und zu lehren. Ein Zentralhund (wie Maja sie nennt) hatte den Weg in mein Leben gefunden und entwarf meine Ansichten komplett neu.

Ich fing an die Leckerlis weg zu lassen, aber sein Futter mit auf den Spaziergang zu nehmen. So versteckte ich sein Fleisch auf der Wiese, im Gebüsch, an Bäumen und er durfte es suchen. Es ist das Größte für Hunde, wenn sie ihre Nahrung mit der Nase suchen dürfen und zusätzlich hat man dann einen sehr müden Hund. Ich sah mich sonst immer sehr oft nach Damon um, aus Vorsicht, aus Kontrolle, nur um zu sehen, dass er noch da ist. Damon sieht auch nach mir, aber sein Blick hat eher etwas fragendes, als würde er sagen : „Alles klar bei dir? Brauchst du mich? Herrscht Ordnung?“. Also fing auch ich an, mich anders nach ihm umzusehen. Nämlich auch mit der inneren Haltung, ob er mich bräuchte oder um zu sehen, ob er etwas entdeckt hat und es mir gern zeigen möchte. In so einem Fall sage ich dann anerkennend „Wow“ und er freut sich über meine Anteilnahme an seiner Entdeckung. Oft überlässt er mir dann sogar die Entscheidung, was damit passiert. Er merkte sofort meine Veränderung und wir hatten bereits viele wunderbare Kommunikationsmomente. Zum Beispiel bleibt er an einer Weggabelung stehen und fragt an, wo’s jetzt lang geht oder aber er stellt sich in die Richtung in die er gern gehen möchte und fragt, ob wir dieses Mal seinen Weg gehen können. Diesen Wunsch erfülle ich ihm dann so oft es geht, wenn ich aber sage „Heute nicht, lass uns hier entlang gehen“ ist das auch in Ordnung für ihn. Auch lacht er mich oft regelrecht an, weil es gerade so schön ist oder als „Danke, dass du gewartet hast!“. Er zeigt mir aber auch recht deutlich, wenn ich mal nicht mental bei ihm bin, weil ich mich mit Freunden auf dem gemeinsamen Spaziergang unterhalte. Dann macht der Herr Blödsinn und rennt weg oder ist sehr unruhig. Wenn ich wieder bei ihm bin, ist dann auch alles ok, jedoch bekomme ich immer noch einen mahnenden Blick von ihm.

Ich habe gelernt mit ihm zu kooperieren, was ihm als hündischer Entscheidungsträger sehr wichtig ist. In Hundeangelegenheiten verlasse ich mich voll und ganz auf ihn. Nur, wenn seine Präsenz bei einem ihm körperlich überlegeneren Hund nicht ausreicht und er flüchten muss, helfe ich ihm natürlich und schütze. Solche Momente hatten wir jetzt schon und er war sichtlich erstaunt, dass ich eingeschritten bin und er sich ja doch auch auf mich verlassen kann. Gilt es eine menschliche Entscheidung zu treffen, die er nicht einschätzen kann, weil es eine Regel betrifft, die in mein Feld gehört, entscheide ich, ohne wenn und aber. So eine Situation fällt uns noch schwer. Mir, sie richtig zu kommunizieren und ihm, die Entscheidung anzunehmen. An der Ampel warten zum Beispiel, wenn rot ist, auch wenn keine Autos kommen, versteht er nicht. Seinen Protest zeigt er mir dann durch sein flehendes Fiepen.

Damon lehrte mich wahnsinnig viel über Hunde. Er zeigte mir, welcher Hund jetzt welche Energie benötigt um runter zu fahren. Auch sehe ich ihm an, welchen Hund er gerade als sehr respektlos empfindet und wie er sich dann aufbaut und Ruhe sendet. An ihm wild vorbei rennende Hunde gehen gar nicht und werden gestoppt, Ruhe und Ordnung herrschen hier. Jetzt verstehe ich auch, warum er in umher rennende Hundegruppen hineingerannt ist und sich vor jedem einzelnen erst einmal aufgebaut hat, bis alle still standen. Er ist ein Ordnungsfreak und kann es wirklich nicht ertragen, wenn wilde Hektik herrscht und keiner einen Plan hat. Wenn diese Gruppe nicht zu uns gehört, kann ich ihn inzwischen gut überreden, dass wir weiter gehen. Er sieht den Hunden dann zwar noch hinterher, akzeptiert aber diese Entscheidung.

Wenn ich Hunde zur Betreuung habe, zeigt er, welche Energie und welche Grenzen diese brauchen. Wenn ich Hilfe benötige, ist er zur Stelle und übernimmt kurz.

Er lehrt mich Ruhe zu bewahren, keinen Groll gegen jemanden zu hegen sei es Mensch oder Hund und im Hier und Jetzt zu leben. Wenn etwas nicht funktioniert, werde ich nicht genervt sondern noch ruhiger, atme tief durch und versuche es erneut. Wenn Damon verrücktspielt und mich zur Weißglut treibt, halte ich kurz inne und muss lachen, wie er mir mit dieser Art zeigt, dass ich einfach mal entspannt sein soll.

Wir sind noch nicht am Ziel, als Team unterwegs zu sein, aber auf dem besten Weg dahin. Ich streng mich an.

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